sAn & cArlchen

are you a BOY or a GIRL? NO!

Kritik – Spendensuchmaschine AFROO

Vor ein paar tage postete mari* zu alternativen zum suchmaschinenriese google und stellte (wie auch ich vor einiger zeit) zwei konkret vor. Eine davon afroo – bei der 100% aller Einkünfte zum Bau von Schulen in Afrika verwendet werden.

Ähmm – spenden für afrika? … es handelt sich um dabei um vorerst sechs nationen auf dem kontinent, aber is ja alles das selbe, nöh!

Naja – ich bin vorallem seit der veranstaltungsreihe “EZ = EuroZentrismus?!” von commit Berlin e.V. was „spenden“ angeht etwas konkret kritischer und hab mich dann gemeinsam mit jen mal bei diesem suchmaschinen-wirtschaftswissenschaftlich-studentischen-unicef-…-projekt umgeschaut.

Wir sind uns im großen und ganzen einig … Intention: gut – leider stellen sich die intervention von und auch dieser entwicklungspolitischen arbeit eher einseitig dar und sind entsprechend eng ausgerichtet. Versteht mich nicht falsch – ich hab auch starke probleme mit fehlenden (kinder)rechten, (kinder)armut, kinderarbeit und sehe es ein, dass etwas getan werden sollte, um dem ein ende zu setzen … aber  es fehlt halt ein wichtigiger teil bei dieser arbeit – es fehlen stimmen und konzepte, die die kolonialen zusammenhänge für die notwendigkeit dieser momentanen („entwicklungs“)zusammenarbeit kontextualisieren und machtkritische, antirassistische, antihegemoniale strategien für die noch immer bestehenden unterwerfung nicht-weißer menschen unter unsere normen und werte und die resultierenden verantwortlichkeiten weißer nationen, unsere Verantwortlichkeiten ebenfalls in den blick nehmen.

Nur wenn die (unsere) koloniale geschichte machtkritisch und mit blick auf die kontinuitätslinien bis in unseren heutigen alltag bzw. die („entwicklungspolitische“) zusammenarbeit beleuchtet und reflektiert wird, ist m.E. eine erfolgreiche arbeit für die bekämpfung von unterdrückung und gewalt möglich. Ich denke, das kann vorallem auch eine chance sein, die auch uns (privilegierte weiße) betreffende zwänge und gewaltstrukturen aufzubrechen – denn auch wir stecken mittendrin im hegemonialen diskurs der unterdrückung und haben nicht nur vorteile davon.

Für einen kurzen Einblick in die kritische debatte um entwicklungspolitik hat jen den folgrnden text verfasst …

Da ist es mir mal wieder aufgestoßen: eine Suchmaschine, deren Werbeeinnahmen an das UNICEF-Projekt „Schulen für Afrika“ gehen. Die UNICEF-Werbekampagnen zum Projekt haben bereits mehrfach Schwarze Menschen in Deutschland und in Afrika herabgesetzt und beleidigt, während Unicef zugleich proklamiert, ihnen zu helfen.

http://www.afroo.de � oder: Mit „Spenden für umsonst dabei helfen Afrika langfristig weiterzuentwickeln“.

Kritik und Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Entwicklungshilfe.
(Achtung! ein etwas überspitzter Kurzabriss)

Afrika wird homogenisiert, generalisiert und sehr vereinfacht als ‚zu entwickelnd’ (also unterentwickelt) dargestellt, Entwicklung ist dabei ein linearer Prozess, in dem Weiße weiter fortgeschritten sind als Schwarze (vor allem ‚die in Afrika’).  Schwarze Kinder werden als Hilfsbedürftige konstruiert, die sich ohne die Unterstützung weißer Spender_innen und Helfer_innen nicht entwickeln/ denen ohne die Unterstützung durch weiße Entwicklungshilfe nichts beigebracht wird. Jedoch werden sie durch die globalpolitischen Machtverhältnisse eingeschränkt und nicht durch paternalistische Entwicklungszusammenarbeit ermächtigt die Welt zu verändern.

In diversen Projekten in ehemaligen Kolonien schließen sich mehr oder minder qualifizierte Weiße zusammen, um gemeinsam mit einer pseudo-gleichberechtigten Partnerorganisation etwas zur ‚Entwicklung’ beizutragen. Aus einem gut gemeinten und doch kolonialen weißen ‚Helfer_innen’-Bedürfnis entstammt die Idee, unsere Welt zu verbessern bzw. nicht unsere, sondern jene von ‚armen Schwarzen Kulleraugen-Kindern’ auf unicef-Plakaten, die zwischen Giraffen und runden Strohhütten endlich eine Schule aus Stein ‚geschenkt’ (!) bekommen, in der sie eine nach unserer (weißen) Definition richtige Schulausbildung bekommen. Nicht, dass Schulbildung nichts Gutes sei, aber dennoch stellen sich da einige Fragen:

  • Wer baut diese Schulen aus welcher Motivation heraus und mit welcher Legitimation (machtpolitischer Kontext von Geben- und Nehmenländern, die in einem ökonomischen Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen)?
  • Der Aufbau einer europäischen Infrastruktur war ein Teilaspekt von Kolonialismus – wie kann heute darin der Bau von Schulen als Bildungsgeberin verortet werden?
  • Wieso sind die Spendenwerbungen mit stereotypen, rassistischen Bildern in Deutschland so erfolgreich und stoßen nicht auf Widerstand der weißen Mehrheitsgesellschaft?
  • Wieso fördern die Spendeneintreiber_innen nicht ein kritisches Bewusstsein über globale Zusammenhänge? (wären sie nicht Weiße, würde ihr Verhalten vielleicht als ‚Betteln’ bezeichnet. Vgl. Arndt/Hornscheidt (Hg.): Afrika und die deutsche Sprache)?
  • Welche Machtstrukturen beinhaltet die Ideologie des bestehenden Entwicklungsparadigmas und wie spiegeln sich diese in der alltäglichen Praxis von Schulen- oder Brunnenbau, Freiwilligendiensten, Spendenwerbung, Pat_innenschaften und capacity building für good governance wieder?

All dies sind Ideen und Praxen weißer Entwicklungshelfer_innen und -politiker_innen, deren pädagogisch-therapeutische Okkupation nicht an Familien- oder Landesgrenzen halt macht, sondern da ansetzen will, wo es „wirklich dringend nötig ist“. Wer das definiert, ist ja klar. (dazu arbeitet u.a. Aretha Schwarzbach-Apithy) Und wer davon profitiert, sehen wir an der kontinuierlichen und sturen Erhaltung des kolonialen Status quo durch politischen und sozialen Machterhalt der weißen
Weltminderheit.

Nach der Disziplinierung/Zivilisierung der eigenen Gesellschaften zu willigen Arbeitssubjekten, beinhaltet die europäische/weiße Geschichte Jahrhunderte gewaltvoller Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen anderer, nicht-weißer ‚Rassen’ (dies bezeichnet eine politischen Positionen in unseren rassifizierten Gesellschaftsstrukturen). Diese weiße
Vorherrschaft hat sich mit dem offiziellen Ende des Kolonialismus keineswegs aufgelöst, sondern bestehende Koloniale Kontinuitäten werden von den Profitierenden/uns Weißen gern übersehen und verschleiert:

  • die Ausbeutung von ökologischen, sozialen und ökonomischen Ressourcen wird hinter ökonomischen Sachzwängen und Naturalisierungen versteckt (Welthandel);
  • die Fortsetzung kolonialer Okkupation (Definitionshegemonie, Wissensproduktion, Naturalisierungen) von Menschen bleibt verborgen hinter der „Notwendigkeit der Zivilisierung/Entwicklung“ kolonisierter Völker (Entwicklungsideologie);
  • die angemaßte weiße Überheblichkeit und die nicht ausreichend aufgearbeitete tiefe Verwurzelung kolonialer Rassentheorien in weißen Gesellschaften wird durch die schlichte Universalisierung und Übertragung weißer/kolonialer Normen und Werte auf den ‚Rest der Welt’* unsichtbar gemacht und tabuisiert. (*auch dies ist eine koloniale Terminologie von Zentrum und Peripherie, „Mutterland/-kontinent“ und Kolonien)

Unsere Weltordnung und die Privilegien der Deutschen Suchmaschinenbenutzer_innen basieren auf der Ausbeutung und Unterdrückung ‚Anderer’. Es ist absurd, dass nun eben diese Privilegierten sich selbst feiern, weil sie „Afrika“ Schulen ‚schenken’, nachdem und während sie die Menschen und das Land des Kontinents Afrika versklavt und ausgebeutet haben. Man könnte anstelle von (noch so alternativen) Entwicklungskonzepten und -politiken doch auch ein mal fordern, dass endlich Reparationen für Kolonialismus, Genozide und Verbrechen an der Mensch(lichk)heit gezahlt werden, wie nach jedem europäischen ‚Stammes -/Bürgerkrieg’ auch.

Eine bedeutende Schuld und Verantwortung für die heutige Lage der Welt liegt historisch bei Europa und dessen hegemonialer Kolonialpolitik. Anstatt uns mit dieser Schuld und unserer Dominanz/Privilegierung auseinanderzusetzen und jenen zuzuhören, die aus der Position der Unterdrückten ihre Unterdrücker_innen analysier(t)en, setzen wir diese Struktur fort, indem wir weiße Helfer_innen um den Globus schicken, die dort als überprivilegierte ‚Kolonisator_innen’ ihre/unsere merk(!)würdigen Sichtweisen auf die Welt ausleben können, um sich danach auf die Schultern zu klopfen, weil sie/wir mal wieder Gutes getan haben und den ‚europäischen Humanismus’ in die Welt gebracht haben …

Weitere Infos & Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit dem Thema:

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Januar 22, 2009 Posted by | feminismus, kritik | , , , , , , | 5 Kommentare